Geschichte

Kulturhistorischer Abriss zur Müllerei


Die Mühlen, einst unentbehrliche Stätten der Produktion, Begegnung, des Austausches und der technischen Innovation, sind heute weitgehend aus dem Wahrnehmungshorizont der Gesellschaft verschwunden. Gleichzeitig mit dem langsamen, unaufhaltsam scheinenden Aussterben der alten Mühlen stilisierten Künstler, Dichter und Heimatforscher die Mühle zu einem romantischen Ort und zeichneten ein geschöntes, ja falsches Bild der Alltagswirklichkeit.

 

Obgleich die Blütezeit der wassergetriebenen Mühlen zum Ende des 19. Jahrhunderts längst überschritten war, gibt es heute noch eine ungewöhnliche Vielfalt an Bauweisen und technischer Ausstattung in der altbayerischen, schwäbischen und fränkischen Mühlenlandschaft. Beeinflusst von den jeweiligen topographischen Gegebenheiten, wirtschaftlichen Entwicklungen, handwerklichen Fertigkeiten, aber auch von den rechtlichen Besonderheiten entstand eine Vielfalt von Mühlentypen, die immer wieder die Begeisterung technik- oder sozialgeschichtlich interessierter Menschen entfachen.

 

Im Lauf der Jahrhunderte fand die Mühlentechnik in nahezu allen Bereichen des Handwerks und der frühen Industrie - hier unter anderem im Bergbau und der Erzverhüttung - Anwendung. Mühlen mahlten seit dem Mittelalter nicht nur Korn, sondern hämmerten, stampften, pochten, schnitten, schliffen, zogen, wälzten, sägten, betrieben Pumpen und unterschiedlichste Maschinen, fachten Schmelzöfen an, hoben Lasten, bewässerten Ackerland und wurden zur Entwässerung von Sümpfen und zur Melioration von Mooren eingesetzt. Im deutschsprachigen Raum sind seit dem Mittelalter, in dem die Mühle die universelle Maschine war, über 150 unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten der Mühlentechnik nachweisbar.

 

Die Leistungsfähigkeit der Mühlen wurde weitestgehend bestimmt vom Wasserangebot, das durch wasserbauliche Maßnahmen optimiert wurde, die wiederum zum Entstehen der heutigen, als schützenswert empfundenen Kulturlandschaft beitrugen. So ist die Mäanderbildung mancher bayerischer Flüsse meist eine direkte Folge mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Wasserbaus und keineswegs eine heute als idyllisch empfundene Laune der Natur.

 

Die Entwicklung der traditionellen Kornwassermühle zum Antriebs- und Maschinenensemble für nahezu alle Gewerbe führte zur Aufnahme des Wasserrechts in die regionalen Mühlenordnungen, die in Altbayern, in Schwaben und dem ehemaligen fränkischen Reichskreis im Detail oft gravierende Unterschiede aufweisen. Die im 16. und 17. Jahrhundert einsetzende Dominanz des Wasserrechts zeigt einerseits das Ende des quantitativen Mühlenwachstums und den Mangel an Wasserkraft innerhalb des Geltungsbereiches der Mühlenordnungen an, andererseits zwang diese Dominanz zur Verbesserung der Mühlentechnik und weckte damit den Erfindergeist.

 

Die Landesherren reglementierten den Ausbau der Wasserkraftanlagen zugunsten der Agrarwirtschaft. Jeder Wassermühle wurde eine maximale Stauhöhe zugewiesen. Der Eichpfahl, auf dem die maximale Stauhöhe markiert war, symbolisiert seither den Kompromiss zwischen agrarischer und gewerblicher Wirtschaft. Die Höchstmarke war die Grundlage eines einklagbaren, verkäuflichen Besitzrechtes, das große Rechtssicherheit genoss und dazu führte, dass Kaufleute ihr Kapital sicher in Mühlen anlegen konnten. Unter der Leitung dieser kaufmännisch denkenden Unternehmer begann in den Zeiten des Merkantilismus der qualitative Wandel im Mühlenwesen.

 

Die energietechnische Barriere, die das - begrenzte - Wasserrecht darstellte, wurde durch vielfältige technische Verbesserungen der Gerinne, Wasserräder, Getriebe und Arbeitsmaschinen überwunden. Es wurde ein technologischer und betriebswirtschaftlicher Innovationsschub ausgelöst, der in der industriellen Revolution mündete, die letztlich wiederum das Ende der "alten” Mühlen einläutete und schließlich zu ihrer zwar gutgemeinten, aber falsch verstandenen Romantisierung führte.